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Campgeschichte

 
Die Nornen

Einst in einer Zeit als Freya und Freyer noch frei durch das Land zogen. Einst in einer Zeit als die Weltenesche am See Urd noch nicht vollkommen in die Schleier der Zeit eingehüllt war. Einst als die Menschen noch wagten Götter und Göttinnen offen um Hilfe zu bitten. Zu dieser Zeit geschah es.

Eine junge Frau, welche eingebunden in ihre Verpflichtungen und liebevoll mit ihrer Familie lebte, den Ruf ihrer inneren Stimme nicht mehr überhören konnte. Sie versuchte diese Stimme zu überhören - zu ignorieren. Sie arbeitete härter daran und übernahm mehr Verpflichtungen, doch die Stimme wurde lauter. Sie fragte nach dem eigenen Verlangen, nach der Leidenschaft, nach der eigenen Kraft. Die junge Frau fühlte sich verwirrt, denn bis auf diese Stimme und manche Träume, schien ihr Leben wie vorbestimmt zu verlaufen.

Eines Morgens erwachte sie und konnte nicht anders als die Stimme hingebungsvoll zu fragen, was sie tun könne, um ihren wahrhaftigen Platz im Lebensgewirk zu finden. Die Antwort war schnell gefunden (, denn Freyer konnte nicht mehr an sich halten):

“ Ist dies Dein wahrer Wille – Dein Verlangen? Dann werfe das Kräuterbündel in die Flammen Deines Feuers und der Weg zum See Urd wird Dir offenbar. Dorthin musst Du reisen, um die Antwort zu finden.“

Die junge Frau tat, wie ihr empfohlen und als sie das Kräuterbündel in die Flammen warf zeigte Freya ihr den Weg und nahm all ihren letzten Bedenken von ihr. So machte sie sich auf den Weg zum See Urd.

*

Schon aus weiter Ferne konnte sie die Weltenesche erkennen, denn kein anderer Baum streckte seine Äste bis weit in den Himmel und war so groß wie dieser – fast furchteinflößend. Doch jedes Mal, wenn ihre Zweifel wuchsen spürte sie die allgegenwärtige Freya, die sie begleitete bis zum See Urd. Dort angekommen nahm der Zauber der spiegelglatten Oberfläche des Sees die ganze Aufmerksamkeit der jungen Frau ein und sie wollte jedes Wagnis eingehen ihren Platz im Lebensgewirk zu finden. Unmerklich fiel eine Träne in den See und das Wasser fing sofort an sich zu bewegen. Die junge Frau erstarrte fasst, doch ihr Herz erinnerte sich und so holte sie Luft. Aus dem See stieg eine Gestalt empor, welche allein durch ihren Anblick tausend Erinnerungen an Geschehenes hervorrief. Doch schon sprach die Gestalt mit einer von Weisheit erfüllten Stimme. „Deine Träne hat mich gerufen. Du bist einen langen Weg gegangen und hast Dein Dir vertrautes Leben hinter Dir gelassen. Du hattest den Mut bis Du den See erreicht hat, an Deinem Verlangen festzuhalten. Ich will Dir helfen zu finden, was Du suchst. Fürchte Dich nicht. Ich bin Urd, die Alles Vergangene kennt. Alles was war.“

Die junge Frau stand sprachlos am Ufer, als Urd mit einer Handbewegung ein Feuer entzündete und ihr bedeutete daran Platz zu nehmen. Aus dem Kessel der über dem Feuer hing bot Urd ihr ein Getränk an. „Doch warte bis Du trinkst, denn Du wirst reisen zu dem was war. Du wirst erkennen, dass die Vergangenheit viele – sehr viele – Gesichter hat. Der Trank wird Dich beschützen, so dass Du nicht verloren gehst im Strudel der Vergangenheit. Dein Körper wird schlafen und wohlbehütet sein. Sind die Geister der Vergangenheit wohlgesonnen so werden sie Dir zeigen wonach Du suchst.“

Die junge Frau war betört von Urs Stimme und hielt den Becher. Urd nahm die Frage ihres Herzens wahr und antwortete: „Du wirst Vertraute finden und nun trink.“ Sie vertraute Urd und trank. Sodann schlief ihr Körper, doch sie tauchte ein in die Welt der Urd, welche sie noch ein Stück begleitete.

*

Die junge Frau war tief im Vergangenen versunken, einige Situationen kannte sie, einige Orte und Personen waren ihr vertraut. Sie hörte Stimmen und andere Geräusche. Schließlich traute sie sich nach Verbündeten zu rufen, die ihr halfen sich in der Vergangenheit zu Recht zu finden. Dies war der Augenblick in welchem sie ihrem Ruf folgend ganz ihrem Herzen vertraute und ihren schlafenden Körper zurückließ. Ihre Verbündeten beglückwünschten sie und halfen ihr an jene Orte der Vergangenheit zu gelangen, die für sie bedeutungsvoll waren.

Schließlich war die junge Frau müde und übervoll von Eindrücken und Gefühlen. Ihre Verbündeten halfen ihr den Weg zurück zu finden. Doch bevor sie wieder in ihren Körper zurückkehrte, bedankte sie sich voll Trauer bei Ihren Begleitern, denn sie nahm an, dass sie diesen nie wieder begegnen würde.

Beim Erwachen und dem ersten Atem spürte sie die verflogene Trauer und ein neues Vertrauen. Sie war immer noch übervoll von all den Eindrücken. Als sie die Augen öffnete sah sie Urd, die einen Faden spann. Urd sagte: Meist fürchten die Menschen mich. Meist fürchten sie die Fäden aus Vergangenheit. Meist fehlt ihnen der Mut“. Dann verschwand sie im See, doch das Feuer brannte weiter. Sie schlief vor Erschöpfung ein.

*

Ein lautes Lachen einer fremden Stimme weckte sie und als sie die Augen öffnete sah sie den Rücken einer lachenden Frau. Als sie sich aufrichtete um aufzustehen, wandte diese sich um und sagte: „Ich bin Verdandi – die Gegenwart! Ich hoffe Du hast Dich erholt von der Reise mit Urd, denn für mich zählt die Gegenwart und Urd schickte mich Dir zu helfen! Bist Du bereit?“

Verdandi war nicht zögerlich, sie schnippte mit den Fingern und sofort loderten die Flammen höher, der Spiegelfläche des Sees wurde vollkommen und zahlreiche mysteriöse mit Schleiern versehene Gegenstände standen um sie herum.

Verdandi lachte erneut: „Niemand sollte die Vergangenheit fürchten. Sie ist vorbei. Die Gegenwart ist Jetzt – Hier in diesem Moment.“ Und schon nahm Verdandi ihre Hand und sie stiegen empor in die Lüfte. „Schau hinunter auf den Spiegel des Sees! Das bist Du jetzt!“ Verdandi hatte offensichtlich Spaß daran, denn die junge Frau erschauderte, weil sie sich selbst unten am Feuer stehen sah. Die Schleier über den Gegenständen waren mit einem weiteren Fingerschnipp verschwunden und sie landeten. „Schau hinein, denn das Alles bist Du! Du, die sich an der Vergangenheit festhält und Du, die von der Zukunft träumt. Du, die ihr Potenzial spürt und dennoch das Leben nicht selbst in die Hand nimmt. Schau es Dir genau an, los los! All das bist Du, hast Du Angst?“

Die junge Frau schaute in die mystischen Gegenstände und erkannte sich. Sie hatte keine Angst, es machte sie traurig! Als sie Alles betrachtet und wiedererkannt hatte, sagte sie zu Verdandi: Ich bin dem Ruf meiner Stimme und meines Herzens gefolgt. Freya hat mich geleitet und Urd hat mir die Vergangenheit in all ihren Formen gezeigt. Ich bin bereit!

Verdandi begann sofort mit schöner Stimme zu singen und schnippte erneut mit dem Finger. Ein wundervoller Vogel kam herbei und nahm die junge Frau vorsichtig auf seine Schwingen und flog über den See. „Schau hinab, Schau hinab! Das bist Du – mit all den Stärken des Vergangenen und dem Mut fürs Jetzt!“

Die Wärme des wundervollen Vogels und der Mut ihres schlagenden Herzens ließen sie hinabsehen und sie sah sich. Ganz und in sich vollkommen!

*

Dann landete der Vogel am Ufer und sie stieg sanft ab. Verdandi ließ die Gegenstände mit einem weiteren Fingerschnipp verschwinden. Sie schien zufrieden. Schließlich bedeutete Verdandi der jungen Frau sich zwischen das Feuer und den See zu stellen. Sie ließ die Flammen und das Wasser aufsteigen bis sich beides über dem Kopf der jungen Frau traf. Der Bogen der Ausgewogenheit, der Bogen der Vergänglichkeit, der Bogen der Wandlung. Verdandi ließ die junge Frau ihr Selbst, in seiner Vielfalt erfahren. Schließlich senkten sich die Flammen und das Wasser.

Verdandi lachte erneut: „Das Jetzt und Hier dauert einen Atemzug! Denke bei jedem Atemzug daran, denn ich messe den Faden, den Urd spinnt!“ Dann verschwand sie im See. Die junge Frau setzte sich nieder und hielt eine Hand gen Feuer und die andere gen Wasser. Sie atmete und hörte in sich die Stimme der Verbündeten und wußte, dass sie nicht allein war.

Plötzlich hörte sie Hufgetrampel und das Wiehern eines Pferdes. Auf diesem Pferd saß eine amazonenhafte schöne Frau in wallenden Gewändern. Sie rief: „Ich bin Skuld – die Zukunft!“ Und schon in diesem Moment hatten ihre Gewänder eine andere Form und Farbe. Skuld ritt dicht an die junge Frau heran und mit einer Handbewegung zog sie sie auf das Pferd. „Wie das Jetzt einen Atemzug dauert – ist die Zukunft wandelbar! Vergiss das nie!“ Skuld bewegte die Zügel und mit einer beinahe unmerklichen Fußbewegung brachte sie das Pferd in den Galopp.

*

„Die Zukunft ist wandelbar – Die Zukunft ist wandelbar! Sie ritten mit dem Pferd am Boden und durch die Lüfte. Sie ritten vorbei vielen bis unzähligen Möglichkeiten, wie sich die Zukunft der jungen Frau gestalten könnte. Schließlich kehrten sie zurück zum Feuer am See Urd. Beide stiegen ab. Skuld hüllte die junge Frau in ihren warmen Mantel ein, berührte ihre Augen und schenkte ihr, dass zu sehen, was immer da sein wird.